Ein Plattenladen – etwas, das wir schon immer machen wollten
Von Rafi Mercer
Wenn man einmal mit Schallplatten gearbeitet hat, bleibt ein gewisses Kribbeln zurück, das einen nie ganz loslässt. Der Geruch des Kartons, das Gleiten des Vinyls über das Papier, das Gewicht in der Hand, wenn man die Platte umdreht. Selbst nach Jahren fernab der großen Plattenläden vermisse ich dieses Gefühl immer noch – das Gefühl, von Regalen umgeben zu sein, in denen ganze Welten stecken.
In letzter Zeit habe ich mich gefragt, ob „Tracks & Tales“ nicht einen eigenen Plattenladen haben sollte. Keinen weiteren endlosen Katalog, der mit den Giganten konkurriert, sondern eine gezielte, sorgfältig zusammengestellte Sammlung – einen Ort, an dem jede Platte im Regal bereits angehört, gelebt und aufgrund ihrer Fähigkeit ausgewählt wurde, die Atmosphäre eines Raumes zu verändern.
Der naheliegende Ausgangspunkt ist bereits vorhanden: unsere „Top 50 der Listening-Bar-Klassiker“. Diese Alben – Ambient-Werke, Jazz-Meilensteine, unverzichtbare Deep-Listening-Klassiker – sind nicht nur Listen auf einer Seite. Sie bilden das Rückgrat des Listening-Bar-Erlebnisses. Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich durchklicken, nicht nur, um darüber zu lesen, sondern um die Schallplatte zu kaufen, sie in den Händen zu halten, die Nadel aufzulegen und dieselbe Resonanz zu spüren, die eine Bar in Tokio oder Berlin erfüllt.
Natürlich geht es um mehr, als nur Platten zum Verkauf anzubieten. Ein Laden muss Charakter haben. Ich denke dabei an die Hörbereiche selbst: Regale voller Schallplatten, die jedoch niemals überladen wirken. Jeder Plattenrücken ist eine bewusste Auswahl, jede Hülle vom Gebrauch abgenutzt. Das ist das Ethos, das der Shop auch online vermitteln sollte: weniger Titel, gut ausgewählt, im Kontext präsentiert. Nicht nur „Jetzt kaufen“, sondern Liner Notes, Geschichte und ein Gespür dafür, warum diese Platte in der Architektur des Hörens von Bedeutung ist.
Ich stelle mir vor, wie sich das Ganze schichtweise entwickelt. Die Top 50 als Fundament, darauf aufbauend sorgfältig ausgewählte Erweiterungen – japanische Pressungen, die die Ursprünge der Hörbar widerspiegeln, zeitgenössische Ambient-Werke, die zeigen, wohin sich die Kultur entwickelt, vielleicht sogar eine kleine Auflage sorgfältig gepresster Exklusivtitel. Dabei ginge es nicht um Breite, sondern um Tiefe. Jede Ergänzung wäre ein weiterer Baustein im Gesamtbild.
Mir ist durchaus bewusst, dass der Betrieb eines Ladens ein ernstzunehmendes Unterfangen ist. Lagerbestand, Versand, Lieferanten, Gewinnspannen – ich kenne die Abläufe dahinter. Aber vielleicht reizt mich die Idee gerade deshalb: weil man es anders machen könnte. Limitierte Auflagen, saisonale Neuerscheinungen, Bundles, die Getränke und Musik verbinden, Playlists, die beim Kauf mitgeliefert werden. Beim Kauf einer Schallplatte ginge es nicht nur um den Erwerb selbst, sondern darum, Teil eines Rituals zu werden.
Und dann gibt es noch die Möglichkeit, dies mit dem zu verbinden, was wir ohnehin schon tun. Stellen Sie sich vor, Sie lesen über Midori Takadas „Through the Looking Glass“ auf der Website lesen und dann direkt weiterklicken, um die Schallplatte inklusive Begleittext zu bestellen. Oder unser Dossier über Tokio zu durchstöbern und eine kuratierte Box mit Jazz aus der Kissa-Ära zu entdecken, die man sich nach Hause holen kann. Der Shop würde nicht isoliert stehen, sondern direkt aus dem redaktionellen Teil hervorgehen – als weiterer Zweig derselben Philosophie.
Ich komme immer wieder darauf zurück: Die besten Plattenläden, die ich je gekannt habe, zeichneten sich nicht durch ihre Größe aus, sondern durch Vertrauen. Man ging dorthin, weil man wusste, dass die Person hinter der Theke die Platten bereits für einen angehört hatte. Man wusste, dass ihr Geschmack mit dem eigenen übereinstimmte oder ihn auf genau die richtige Art und Weise herausfordern würde. Genau das möchte ich mit „Tracks & Tales“ bieten. Kein Lagerhaus, sondern einen Begleiter.
Vielleicht ist es nur ein Randgedanke, so wie die Streetwear-Idee, aber es fühlt sich verbunden an. Die „Listening Bar“ entstand aus der Leidenschaft für Klang, für Vinyl und aus der Überzeugung, dass das Hören eine eigene Architektur verdient. Ein Plattenladen ist Teil derselben Tradition. Wenn „Tracks & Tales“ ein Atlas ist, dann ist der Laden der Kompass – etwas, das man in der Hand halten, ausrichten und dem man in den Klang hinein folgen kann.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.