Anmerkung zum Album: „Through the Looking Glass“ von Midori Takada
Von Rafi Mercer
Der erste Klang ist eine Glocke – sanft, klangvoll, wie das Öffnen eines Tempeltors. Dann setzt die Marimba ein und lässt Muster erklingen, die zugleich uralt und futuristisch wirken. Innerhalb weniger Sekunden wird einem klar, dass dies kein Album im herkömmlichen Sinne ist. Es ist eine Landschaft. Ein Hörraum. Eine Welt für sich.
Midori Takadas „Through the Looking Glass“, das 1983 aufgenommen wurde und lange Zeit in Vergessenheit geraten war, hat sich in den letzten Jahren zu einem Maßstab für Hörer entwickelt, die Zuflucht vor dem Lärm suchen. Es ist eine Aufnahme voller Oberflächen und Tiefen, bei der es bei den Perkussionsklängen weniger um Rhythmus als vielmehr um Architektur geht. Jeder Schlag auf Holz oder Metall schwebt in der Luft und verklingt in der Stille, als wäre der Raum selbst ein Instrument.
Jahrzehntelang war die Platte so gut wie unauffindbar. Eine japanische Pressung, die man hinter Glas erahnen konnte, über die unter Sammlern hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wurde und deren Preis mit jedem Gerücht stieg. Als sie schließlich neu aufgelegt wurde, entdeckte eine neue Generation ihren Klang quasi zum ersten Mal – und doch wirkte er absolut zeitgemäß. Ambient, minimalistisch, ökologisch: Die Eigenschaften, die einst als randständig galten, wirkten nun prophetisch.
Was „Through the Looking Glass“ auszeichnet, ist seine Geometrie. Takada behandelt Percussion nicht als Rhythmus, sondern als Klangtextur. Marimbas, Gongs, Glockenspiele, Becken – jeder Ton erhält Raum, jeder Nachhall darf sich entfalten. Die Stille wird zum Mitwirkenden und prägt die Zeitwahrnehmung des Zuhörers. Das Album entfaltet sich weniger wie eine Komposition als vielmehr wie ein natürliches System: Zyklen, Wellen, Echos.
Takadas Ausbildung war vielseitig – verwurzelt in der westlichen klassischen Musik, aber geprägt von afrikanischem Trommeln und asiatischer ritueller Perkussion. Das Ergebnis lässt sich nicht in Schubladen stecken. Es gehört weder zum „Jazz“ noch zum „Ambient“ oder zur „Weltmusik“. Es ist Teil eines Kontinuums, in dem der Klang selbst die Sprache ist. Und doch driftet es nie ab. Seine Muster sind präzise und mit der Disziplin eines Handwerkers verwoben.
Auf Vinyl besticht die Platte durch ihre Räumlichkeit. Das Holz der Marimba schwingt mit, als wäre es direkt in den Raum geschnitzt; die hohen Glockentöne schweben wie gläserne Fäden. Auf einer guten Anlage hört man sie nicht nur – man spürt, wie ihre Architektur auf die Haut drückt. Es ist die Art von Platte, die jedes Mal mehr von sich preisgibt, je nach Raum, Tageszeit und der Anlage, über die sie erklingt.
Sein Wiederaufleben sagt auch etwas über die Gegenwart aus. In einer Zeit der Playlists und der Komprimierung ist Takadas Werk als Gegenmittel wieder aufgetaucht. Jüngere Hörer schätzen seine Geduld und seine Weite. Es wird in Yogastudios, Galerien und Cafés gespielt, aber auch gesampelt und remixt und so in neue Kontexte übertragen. Dennoch widersetzt es sich der Kommerzialisierung. Sein Geist ist zu präzise, zu sehr auf die Stille abgestimmt, als dass er auf bloßen Hintergrund reduziert werden könnte.
Wenn man Takada live auf der Bühne erlebt, wird dies bestätigt. Sie strahlt dieselbe anspruchsvolle Anmut aus wie auf der Platte, ihre Bewegungen sind zurückhaltend, aber voller Intensität. Jeder Anschlag ist abgewogen, jede Pause bewusst gewählt. Die Jahrzehnte verschwinden: Das ist kein Revival, sondern Kontinuität. Die Musik ist nie gealtert – nur unsere Ohren haben Zeit gebraucht, um aufzuholen.
Zu Hause, spät in der Nacht, lege ich sie manchmal bei gedämpftem Licht auf. Langsam verwandelt sich der Raum. Die Luft wird dichter, die Wände wirken weicher. Die Platte füllt den Raum nicht so sehr, als dass sie ihn verformt. Und wenn der letzte Titel in Stille ausklingt, fühlt sich diese Stille lebendig an. Man sitzt anders da, ganz im Einklang mit den Texturen der eigenen Umgebung.
Through the Looking Glass ist weniger ein Album als vielmehr eine Philosophie. Es betont, dass das Zuhören ein Akt der Orientierung ist, eine Möglichkeit, sich wieder mit der Welt in Einklang zu bringen. Durch Takadas Blickwinkel wird Perkussion zur Meditation, Stille zur Struktur und Zeit wird elastisch. In seiner stillen Beharrlichkeit bietet es etwas Radikaleres als Flucht: Es bietet eine neue Art, in der Gegenwart zu leben.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.