Fünf Whiskys neben der Musik

Fünf Whiskys neben der Musik

Von Rafi Mercer

Betreten Sie eine echte „Listening Bar“ – eine, die sich an Tokios Jazz-Kissaten orientiert –, und Ihnen werden die Details auffallen. Die Regale voller Schallplatten, die behutsame Beleuchtung, die Art, wie der Klang den Raum wie Wasser erfüllt. Und dann, etwas abseits, die Flaschen. Meistens spielt Whisky in diesem Ritual eine Rolle. Nicht, weil er gerade in Mode ist, sondern weil Whisky zum Ethos des Musikhörens passt: langsam, bedächtig, komplex, niemals gehetzt.

Hier sind fünf Whiskys, die man in der Regel hinter der Bar findet, wenn das Lokal das Ganze im wahrsten Sinne des Wortes umsetzt – Flaschen, die nicht der Zierde dienen, sondern weil sie Geschichte, Handwerkskunst und Atmosphäre verkörpern.

1.Yamazaki 12 Jahre (Suntory, Japan)

Der Grundstein des japanischen Whiskys und die häufigste Flasche in einer Kissa. Weich, vielschichtig, mit Noten von Honig, Obst aus dem Obstgarten und dezenten Eichennoten. Beim Yamazaki 12 geht es nicht um Kraft – es geht um Raffinesse, ganz ähnlich wie bei den Soundsystemen in diesen Bars. Trinken Sie ihn pur, und Sie werden bemerken, wie er sich langsam entfaltet, genau wie eine Coltrane-Ballade, wenn sie über einen Hornlautsprecher gespielt wird.

2.Hakushu Distiller’s Reserve (Suntory, Japan)

Wenn Yamazaki die Wärme von Holz und Früchten verkörpert, dann steht Hakushu für die Frische von Luft und Wasser. Leicht torfig, spritzig, fast schon kräuterartig. Er wirkt lebendig, wie ein Spaziergang durch den Wald in der Abenddämmerung. In der richtigen Atmosphäre passt Hakushu wunderbar zu Ambient-Musik oder minimalistischen Klavierstücken – Getränke und Klänge, die Raum schaffen, anstatt ihn auszufüllen.

3.Nikka From the Barrel (Nikka, Japan)

Eine Flasche, die man in Tokioter Bars oft sieht: quadratisch und kompakt, mit einem kraftvollen und direkten Geschmack. Mit fast 51 % Alkoholgehalt hat er es in sich, ist dabei aber ausgewogen: Karamell, Gewürze, Trockenfrüchte, Rauch. Er spiegelt die Energie des Bebop oder Funk wider – kühn, unruhig, rhythmisch. Dies ist kein Whisky, der im Hintergrund bleibt; er verlangt dieselbe Aufmerksamkeit wie die Schallplatten, neben denen er steht.

4.Hibiki Harmony (Suntory, Japan)

Der Name sagt schon alles. Hibiki ist eine Mischung, ein Zusammenspiel verschiedener Malt- und Grain-Whiskys, und er ist bekannt für seine Ausgewogenheit und Eleganz. Blumig, süß, mit einem Hauch von Eiche. Wenn Yamazaki Coltrane und Hakushu Satie ist, dann ist Hibiki Bill Evans – nachdenklich, harmonisch, man kann ihn endlos genießen. Viele „Listening Bars“ servieren ihn nicht als besonderen Genuss, sondern als Standard des Hauses.

5.The Macallan 12 Jahre Sherry Oak (Schottland)

Auch wenn japanischer Whisky die Tradition dominiert, hat eine echte „Listening Bar“ oft einen klassischen Scotch im Angebot, und der Macallan 12 ist dabei der am häufigsten anzutreffende. Vollmundig, mit Sherry-Noten und vielschichtigen Aromen von Trockenfrüchten, Gewürzen und Schokolade. Es ist ein Whisky für späte Stunden, der zur Tiefe einer Blues-Platte oder zur Fülle von Nina Simones Stimme passt. Eine Erinnerung daran, dass die Whisky-Kultur in Japan aus der Verehrung für Schottland hervorgegangen ist – und dass die beiden Traditionen nach wie vor eng miteinander verflochten sind.

Zusammen erzählen diese Flaschen eine Geschichte. Im Mittelpunkt steht japanischer Whisky, dessen Wurzeln im schottischen Whisky liegen – jede einzelne Flasche wurde aufgrund ihrer Fähigkeit ausgewählt, die Philosophie des Zuhörens widerzuspiegeln: langsame Handwerkskunst, tiefgründiger Geschmack, belohnte Geduld. Keine von ihnen ist aufdringlich. Keine von ihnen setzt auf Neuartigkeit. Es sind Klassiker – die Art von Whiskys, die still vor sich hin ruhen, bis sie eingeschenkt werden, und dann Schluck für Schluck ihren Charakter offenbaren.

Und genau darum geht es. In einer Listening-Bar steht nicht der Drink im Mittelpunkt – sondern die Schallplatte. Doch der Drink ist Teil des Rituals, er bestimmt das Tempo des Abends und erinnert daran, zwischen den Titeln eine Pause einzulegen. Ein guter Whisky fesselt einen auf dieselbe Weise wie eine Schallplatte: Man beugt sich vor, nimmt alles wahr und lässt der Zeit ihren Lauf.

Wenn du also einmal in einer echten „Listening Bar“ landest, wundere dich nicht, wenn du diese Flaschen dort aufgereiht siehst – mit ihren vertrauten Etiketten und ihrer unaufdringlichen Präsenz. Sie gehören dorthin, genauso wie die Schallplatten. Und wenn du dir zu Hause ein Glas einschenkst, das Glas in der Hand, während die Schallplatte läuft, wirst du verstehen, warum.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie hier, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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